Das Pulsieren des Anderen

Posted by | October 28, 2016 | Art, Digital, Kultur, Stadt, Uncategorized, Video | No Comments
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Auch wenn der Titel “Die Welt Ohne Uns” es nahe legen mag, es geht in der neuen Ausstellung des Hartware MedienKunstvereins (HMKV) im Dortmunder U nicht um die gerade beliebte Fiktion eines Planeten im post-humanen Status oder um durch Objektorientierte Philosophie geprägte Kunst oder gar um die räumliche Inszenierung von Alan Wiesmans gleichnamigen Sachbuch aus dem Jahr 2007. Viel mehr möchte Kuratorin Dr. Inke Arns zeigen, dass die Welt durch von Menschen gebildete Systeme und gleichermaßen koexistierend durch Systeme bevölkert wird, die durch nicht-menschliche Akteure eigenständig existieren. War die HMKV-Ausstellung “Artificial Intelligence”, die bis zum Frühjahr 2016 zu sehen war, wesentlich dystopischer, so ist das Szenario in der aktuellen Schau nur zuweilen post-kastrophal, der Blick entspannter, eine Art Bestandsaufnahme und offene Beschreibung dessen, was technische, gesellschaftliche, körperlich-mediale Realität ist und sich noch weiterentwickeln wird. “Wir müssen nur hinsehen. Und haben dann eine Wahl, wie wir uns entscheiden”, unterstreicht Inke Arns im Gespräch.

Zu sehen gibt es 16 Exponate, darunter viele internationale Videoinstallationen, aber auch Skulpturen, Aquarelle, Kurzfilme, Zeichnungen; dies auf einer großzügig, in sanften Brauntönen gestalteten Fläche, deren Ausstellungsarchitektur als außerordentlich gelungen zu bezeichnen ist. Viele kleine Details, Winkel, Gimmicks und Hinweise laden zum Entdecken ein. So unmerklich ist wohl die automatische Ablösung vom Menschen, wenn künstliche Intelligenz regiert: Freundlich, wie die Katze in Pinar Yoldas “The Kitty AI”, oder einfach ‘natürlich’ grün, ob animiert, wie in David Claerbouts Film “Travel” (dessen Landschaften nicht mehr von den nur scheinbar gefakten, aber dennoch realen Landschaften in Ignas Krunglevicius “Hard Body Trade” zu unterscheiden sind) oder ‘echt’, wie die Pflanzen in der Ausstellungsszenografie. Die Grenzen verschwimmen. Und das schon seit langem.

Die Koexistenz zwischen Künstlicher Intelligenz und dem Menschen ist nichts Neues und ein ausgetretener Pfad in der Kunstwelt. Das Nicht-Menschliche sind jedoch nicht nur Maschinen, welche die menschliche Arbeitskraft ablösen, sondern desgleichen zum Beispiel selbstlernende Algorithmen, die bereits über ein Drittel der weltweiten Aktienverkäufe autonom tätigen, oder Technologien, die Zeitungsartikel selber schreiben oder als Chatbots auf Dating-Webseiten menschliche Wünsche wecken und befüttern. “Her” und “Ex-Machina” sowie diverse andere Hollywoodfilme greifen die Thematik unterhaltungskompatibel auf. Künstlich erzeugte Nanopartikel, gen-modifizierte Mikroorganismen tun als nicht-menschliche Akteure eben das, wofür nicht-humane Akteure gedacht sind: sie handeln und entwickeln. Zwischen Kulturpessimusmus und Abwehr bis hin zur Silicon Valley-Sehnsucht nach einer post-menschlichen Ökologie reichen mögliche Reaktionen auf die Thematik. Kuratorin Inke Arns macht eine subjektive Bestandsaufnahme, die Regung und Kognition bei den Ausstellungsbesuchern schürt.

Zu einer der einfachsten, aber wirkungsvollsten Arbeiten, zählen dabei die Werke von Timo Arnall. Die Drei-Kanal-Videoinstallation “Internet Machine” ist ein Triptychon, das in langsamen Kamerafahrten durch das am besten gesicherte und fehlerresistenteste Datencenter der Welt im spanischen Alcalá führt. Die materielle Manifestation einer von uns luftig eingebildeten Cloud als komplexes Labyrinth riesiger unterirdischer Hallten der Daten von Leben und Wissen, in denen nur das Rauschen der Rechnerlüfter zu hören ist. In “Robot Readable World” zeigt Filmemacher und Designer Arnall den scannenenden Blick von Suchrobotern auf Autos, Straßen, Gesichter. Eine Art der automatischen Erkennung, wie sie längst alltäglich ist. Dabei lebt Arnalls Film von der Kittlerschen Ambivalenz, dass die automatischen Suchraster eben auch jene von Waffensystemen sein können, die zielsicher töten werden.

Ein Falke wird von Laurent Grasso in “On Air” mit einer Kamera ausgestattet und quasi als Drohne über die Vereinigten Arabischen Emirate geschickt, die wiederum für die Falkenjagd bekannt sind. Militärisches, Kultur, Überwachung und Kultur verschmelzen in dieser Videoarbeit auf unheimliche Weise.

Schaurig fernerhin: Sidsel Meineche Hansens “Proud To Be Your Own Boss, Proud To Be Busy”, das ein kleines Häuschen inmitten der Ausstellung ist, in dessen Inneren sich eine Art Krankenhausbett findet, von welchem aus der Ausstellungsbesucher ein Video sehen kann, das Werbung aus Pharmaindustrie mit eigen produzierten Anteilen mischt. Die Message des Videos: Optimiere dich selbst – gerne auch mit Medikamenten und synthetischen Drogen! Konsum, Freizeit, Arbeit, Neoliberlismus, Berghain-Tourismus, 3-Tage-Wach, der schmale Grad zwischen Transgression und Zerstörung, Wirtschaft, Selbstausbeutung und Überstunden im assoziativen Rausch.

Julien Previeux bleibt beim Thema neo-liberaler Anforderungen und berichtet in “Anomalies construites” aus dem Off über die Selbstabschaffung seines Arbeitsplatzes und den Zusammenhang von bezahlter und unbezahlter Arbeit, Selbstausbeutung und das Speisen der Datenkrake als Programmentwickler. Die Kamera zeigt ein menschenleeres Büro mit den Softwareöberflächen von 3D-Simulationsprogrammen auf den Bildschirmen.

Zwangsläufig wirft “Die Welt Ohne Uns” die Frage auf, was denn an dem Artifiziellen so schlimm wäre, ob es nicht für den Planeten – oder zumindest bestimmte Lebensbereiche – effektiver wäre, wenn Technologien und andere Lebensformen problemlösend das Ruder übernehmen würden. Eine Position dazu zu entwickeln, ist eine der Aufgaben, die die Ausstellung implizit stellt. Ist es mir gleich, wenn die Natur in David Claerbouts “Travel” künstlich ist, aber immerhin beruhigende Wirkung hat, oder wenn die Künstlerin LaTurbo Vendon, die im Internet auf allen Kanälen kommuniziert und die Installation “The Cabin” zur HMKV-Ausstellung beisteuert, ein weiblicher Avatar ist, der nur im Netz existiert? Sind Trennung produktiv oder überhaupt möglich?

Im Video “The Kitty AI, Artificial Intelligence For Governance” von Pinar Yoldas erzählt eine künstliche Intelligenz in Form einer Katze (schließlich weiß die Katze, dass Menschen im Internet Katzenbilder favorisieren) von gesellschaftlichen Veränderungen, die sie an die Regierung gebracht haben, da die Menschen mit der Politik überfordert sind. Paul Virilio wird zitiert, der in der zeitgenössischen (Medien)Kunst und beim HMKV häufig mit seinen Thesen mitschwingt. Überhaupt bauen die Ausstellung des preisgekrönten Medienkunstflagschiffs aus Dortmund aufeinander auf, ziehen Linien zwischen “Artificial Intelligence” (2015/2016), “Digitale Folklore” (2015), “Fasten Your Seatbelts” (2015), “World Of Matter” (2014), “Suzanne Treister: Hexen 2.0” (2012), “Trust” (2010) und weiteren HMKV-Ausstellungen.

Entscheidungen und Handlungen werden aus gelagert an Künstliche Intelligenzen, zumeist als eine Art des Umgehens mit der zunehmenden Komplexität der Welt und der von vielen gefühlten Notwendigkeit, dass in so ziemlich allen Gesellschaftsbereichen schnell eine Lösung und Verbesserung gefunden werden muss. Die Kontrolle haben die Menschen dabei allenthalben abgegeben. Einer Bewertung dessen verwehrt sich “Die Welt Ohne Uns”, auch wenn eine Auswahl von Kunstwerken immer schon ein Statement, eine Bezugnahme bedeutet. Dafür wird in der Ausstellung ein waches Wahrnehmen geweckt. Und das ist hochaktuell, wichtig und weise.

“Die Welt Ohne Uns” ist noch bis zum 5. März 2017 beim HMKV im Dormunder U auf der dritten Ebene zu sehen. Danach tourt die Ausstellung durch Slowenien und Kroatien. Ein Filmprogramm sowie weitere Sonderveranstaltungen begleiten die in Dortmund neu enstandene Ausstellung im Dortmunder U. Öffnungszeiten und weitere Info unter www.hmkv.de.

About Dash

Dash ist seit zwanzig Jahren als DJ in der hiesigen Clubkultur unterwegs und erfolgreich. Als Journalist, Redakteur, Pressesprecher, Radiomoderator und Autor tummelt sich Steffen Korthals / Dash im urbanen Leben und in kulturellen, gesellschaftlichen und künstlerischen Diskursen der Zeit.

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